War Marco Polo ein Kroate?
Ein Filmteam aus der Nordheide auf den Spuren des großen
Seefahrers
Von Axel Tiedemann
Mit jeder Meile, die der Zweimaster "Heidjer 6" näher an die Insel Korcula heran gleitet, werden weitere Konturen des großen Festungsturms erkennbar. Deutlich ist jetzt die grobgezackte steinerne Brüstung an der Spitze zu sehen, die Bilder von Mittelalter-Romantik vor Augen führt. Sind dort nicht auch gut gerüstete Ritter und ein verlassenes Burgfräulein zu erkennen? Der Nachmittagsdunst über der Adria lässt viel Fantasie zu, zumal, wenn man einige Stunden am Steuerrad gestanden hat. Immer den Blick auf den Kompass gerichtet, bis schließlich die kroatische Insel und ihr markanter Turm am Horizont auftauchen.

Solche Ritter-Fantasien sind aber nicht der Grund dafür, warum die Zwölfmeterketsch "Hedjer 6" Kurs auf Korcula genommen hat. An Bord sind die beiden FilmemacherJürgen und Manfred Schulz aus dem beschaulichen Örtchen Asendorf im Landkreis Harburg, die hier einen Streifen über Marco Polo drehen wollen. "Spurensuche unter Segeln" - so heißt die Reihe ihrer Firma Videosail, die unter anderem auch für N 3 produziert wird und eine Art filmischer Reiseführer mit maritimem und historischem Hintergrund ist. So segelten beide in Griechenland bereits auf der Spuren von Odysseus.
Die Insel Korcula und ihr markanter Turm spielen diesmal die besondere Rolle im neuen Film. Denn genau hier auf Korcula sei vermutlich Marco Pob geboren worden, sagt Jürgen Schulz. Und in dem Turm vor uns sei er von Genuesern viele Jahre später gefangen gehalten worden, bis er ins Gefängnis nach Genua verlegt wurde, wo er 1298 einem Mitgefangenen die Berichte über seine China-Reisen diktierte.
Diese "Beschreibung der Welt" brachte ihm den Ruf des größten Weltreisenden aller Zeiten und berühmtesten Sohnes Venedigs ein. Dass er ausgerechnet auf einer Insel vor der Küste im heutigen Kroatien geboren sein soll, ist für Schulz jedoch kein Widerspruch. Schließlich geriet vor 1000 Jahren die gesamte dalmatinische Adria bis kurz vor der Stadtrepublik Ragusa, dem heutigen Dubrovnik, für Jahrhunderte unter die Herrschaft der Republik Venedig.
Rückbesinnung auf die italienischen Wurzeln
Marco Pob könnte also durchaus zugleich Dalmatiner und Venezianer gewesen sein, meint auch Aljosa Milat, der die Crew wenig später im Yachthafen vom Korcula begrüßt. Milat ist da ganz besonderer Spezialist: Er ist nicht nur Mitglied der kroatischen Marco-Polo-Forschungsgesellschaft, sondern auch Touristikchef der Region. Und beides zusammen macht Sinn, wie er gern einräumt. Die kroatische Inselwelt zwischen Split und Dubrovnik sei eben nicht nur ein Paradies für Wassersportler, die Region stecke auch voller Geschichte - seien es die alte Stadtrepublik Ragusa oder die italienischen Wurzeln der Insulaner. Der Job von Milat ist es nun, die beiden Vorteile seiner Heimat als touristisches Plus zu verkaufen. Was zur Zeit gar nicht einfach ist, wie er sagt. Nach dem ersten Einbruch der Übernachtungszahlen während des kroatisch-serbischen Krieges Anfang der 9oer Jahre hatte sich die Lage in den vergangenen Jahren wieder beruhigt. Doch dann kam der Kosovo-Krieg, und die Touristen stornierten scharenweise ihre Hotelbuchungen Erdrutschartig: Einen Rückgang von mehr als 80 Prozent verzeichnete die kroatische Tourismusbranche in diesem Jahr. Milat: Dabei ist München genauso weit von uns entfernt, wie das Kosovo."
So bitter diese Angst der Touristen für die Leute auf Korcula und ihren Nachbarinseln ist - für die Film-Crew bietet das nur Vorteile. Sie findet einsame Ankerbuchten, immer Plätze in den Häfen und Restaurants.
Die "Spurensuche" geht weiter. Die Marco-Polo-Forschungsgesellschaft stutzt ihre These von einem dalmatinischen Geburtsort des Entdeckungsreisenden auf ein Dokument, das sich in der Britischen Nationalbibliothek befindet. Vater und Sohn Schulz haben derweil sogar einen vermeintlich echten Marco-Polo-Nachfahren aufgespürt. Zumindest stammt Vlademir Dipolo ziemlich wahrscheinlich aus der Marco-Polo-Familie, wie er selbst meint. Auch er ist von der dalmatinischen Herkunft des berühmten Asienfahrers überzeugt. Tatsächlich haben Milat und Dipolo kürzlich Dokumente aus England ausgegraben, die das belegen sollen. "Und warum nicht?", meint Milat. "Marco Polo kann doch sowohl Venezianer als auch Dalmatiner gewesen sein, schließlich war das hier alles Jahrhunderte lang venezianisch: die Menschen, die Architektur und die Lebensweise", meint er und lässt dabei durchaus einen gewissen Stolz auf diese italienischen Wurzeln durchblicken. Ein Stolz, dem wir in den kommenden Tagen häufiger begegnen. Ob beim Stadtführer in Dubrovnik oder beim Hafenmeister in Trogir bei Split. Kroatien, so sagen sie, sei eben mehr Italien als Jugoslawien. Den Balkan überlassen sie den Serben. "Wir gehören zu Westeuropa", heißt es da immer wieder fast beschwörend.
Wir suchen also weiter nach venezianischen Spuren für den Film. Ganz in der Nähe von Korcula soll sich Marco-Polo beispielsweise aufgehalten haben, als er 1298 als Kommandant eines venezianischen Schiffes von Genuesern gefangen genommen wurde; weiß Jürgen Schulz. Damals tobte in der Adria eine große Schlacht zwischen Genua und Venedig um die Vorherrschaft in der Region. Mehr als 10.000 Menschen sollen beteiligt gewesen sein. Dort wollen wir nun hinsegeln. Der Kurs ist abgesteckt und wir starren zu dem unsichtbaren Ziel am Horizont. Ist da nicht schon das Splittern von Holz zu hören, der Schlachtenlärm auf See, das Brüllen von Soldaten?
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